Edelrid Cyclone

Kletterschuhe  Edelrid Cyclone im Test

Vorgeschichte

Da ist er, der Neue!

Da ist er, der Neue!

Nur damit hier in Vorfeld keine Missverständnisse auftreten. Ich mag Edelrid. Ich stelle momentan mein Kletterequipment auf Edelrid Gurt bis hin zum Chalckbag um. Einfach weil mir deren Produkte taugen und ich gerne eine deutsche Kletterfirma mit meinen Finanzspritzen unterstützen möchte und nicht die Franzosen, Amerikaner, Tschechen usw. Zum Teil hat die Konkurrenz ausgereiftere Produkte, aber Edelrid investiert sehr viel im Bereich der Entwicklung und geht so viele neue Wege, sodass die Firma einfach unterstützt gehört! Bei den Edelrid Kletterschuhen war ich bis jetzt immer skeptisch. Nach den sagen wir mal bescheidenen Erfahrungen mit dem Raven und dem Hurricane, hinterließ der Typhoon bei mir endlich mal einen positiven Eindruck. Deshalb war ich sehr auf die dritte Kletterschuhgeneration und ihren Vorreiter Cyclone gespannt. Hier ist er nun, der neue Star aus Allgäu.

Optik und Verarbeitung

Weniger Gummi, mehr Sinn

Weniger Gummi, mehr Sinn

Was die Optik angeht, behaupten böse Zungen, dass Edelrid beim Kletterschuhdesign nur eine Farbe kennt – giftgrün. Das ist natürlich absolut übertrieben und hält keiner empirischen Untersuchung stand, aber es ist was Wahres dran! Dennoch ich mag die Farbe und den daraus resultierenden Look im Verbund mit der der Corporate Identity. Keine Frage es ist wenig abwechslungsreich, aber so weiß auch jeder das man gerade mit einem Edelrid an der Wand ist, die Unterscheidung der Modelle aus der Ferne wird dann schon schwierig. Trotzdem Limette-Frisch und reizvoll steigt Edelrid Cyclone aus dem großzügigen Karton und weht kräftig einen an. Gelungenes Design ist es auf jeden Fall, alles andere wäre gelogen.

Alles sauber - man kann nicht meckern

Alles sauber – man kann nicht meckern

Die Verarbeitung ist immer wieder überraschend gut. Das Rätsel über den genauen Produktionsort habe ich zwar noch nicht lösen können, aber Lobgesänge meinerseits gehen ganz klar in Richtung Osteuropa. Die Jungs verstehen ihre Arbeit, das steht absolut außer Frage. Man spürt die Meisterhand, auch wenn ich den Typhoon mit etwas besseren Verarbeitung in Erinnerung behalten habe. Ansonsten alles sauber alles schick, keine groben Schnitzer und Anfängerfehler. Wenn man den Preis anschaut, da fragt man sich schon wie viel so ein chinesischer Schuhmacher verdient, wenn Edelrid bei der Preislage in Europa produzieren kann, was viele andere anscheinend nicht können… Keep going.

Konstruktion

Der Keil und die Quelle von 2-Tension

Der Keil und die Quelle von 2-Tension

Wären die beiden Kletterschuhe Scarpa Instinct VS und Edelrid Cyclone nicht zur selben Zeit rausgekommen. Hätte ich darauf wetten können, dass die einen bei den anderen abgekupfert haben. Sie haben einfach gewisse Ähnlichkeiten, die sich in der Form und Aufbau wiederfinden. Fakt ist, dass Cyclone ein Slipper ist, welcher durch ein innovatives Verschlusssystem eine Art VS Charakter bekommt. Die Sohle ist aus EGrip + und stellt ein hauseigenes Produkt dar. Der Aufbau ist in einer typischen Halbsohlen Konstruktion mit einer Art P3 oder TPS Verstärkung versehen. Der Hügel unter dem Quergewölbe ist sofort beim Reinschlüpfen spürbar und erstreckt sich (gefühlt) auf den gesamten Bereich, nur leider nicht unter dem großen Zeh. Der Downturn ist eher marginal und kaum wahrnehmbar.

Die Inovation auf einen Blick. Ziehen und fertig

Die Inovation auf einen Blick. Ziehen und fertig

Die Vorspannung ist (für mich) mittel und entspricht noch weitestgehend dem menschlichen Fuß. Der Schuh ist aus Kunstleder gemacht, was sich wie wir später sehen werden, nicht negativ auf das Komfort auswirkt. Die nicht besonders hohe Zehenbox ist mit einem Gummipatch überdeckt. Dieses ist großflächig, griffig und hauchdünn. Quasi so wie ich mir das von vielen Modellen zuvor gewünscht habe. Die 2-Tension erinnert ebenfalls an Bi-Tension von Scarpa. Natürlich gibt es Unterschiede: 2-Tension fängt an der Innenseite der Ferse mit einem drei geteilten Gummiband an und geht leider nicht Richtung Zehen, sondern nur bis vor das Zehengrundgelenk. Somit findet bei Cyclone so gut wie keine Kraftübertragung von hinten nach vorne statt. Die Ferse ist richtig fett gummiert und sehr großzügig geformt.

Cyclone Verschluss Detail 2

Diese weiße Teil muss man mit dem Fingernagel beim Ausziehen erwischen

Sie ist nicht symmetrisch geschnitten, wie es auch beim Solution der Fall ist. Die Außenseite lädt quasi etwas weiter raus, als die Innenseite, was man auch gut auf den Bildern sehen kann. Nur ist sie nicht wie beim Solution in dieser „Ecke“ mit Gummi gefüllt, sondern leer, mit allen sich daraus ergebenden Nachteilen. Das absolute Highlight ist die „Schnürung. Wer Salomon Laufschuhe kennt weiß, wie praktisch so ein Zugsystem sein kann, er weiß aber auch das diese Art nicht den präzisesten Verschluss darstellt. Das System funktioniert bei Cyclone ohne jegliche Probleme und Aussetzer.  Jedoch bekomme ich nicht genügend Zug auf den Bereich Richtung Zehen hin. Es ist zwar nicht so das der Kletterschuh locker sitzt, aber man wünscht sich an dieser Stelle einfach mal etwas mehr Spannung. Alles in einem ist Cyclone ein Kletterschuh, bei dem die modernste Technik versucht wurde umzusetzen, sowie ein Träger einer absolut einzigartigen Schnürung.

Passform und Größe

Egal wie man es dreht, die Form ist der des Instinct ähnlich

Egal wie man es dreht, die Form ist der des Instinct ähnlich

Wenn man überlegt, dass Cyclone den Raven in der Kollektion ersetzt, dann fällt einem sofort der Unterschied in der Form, im Volumen und in der Breite auf. Im Endeffekt ist das ein komplett eigener Leisten, welcher wiederum versucht, möglichst viele Fußtypen zu bedienen. Ob das gelingt, wird das Kaufverhalten der Kletterer zeigen. Ich sehe jedenfalls kleine Probleme im Grenzbereich – schmale, dünne Füße. Alle andere Formen werden mit diesem sehr geschmeidigen (da ist er dem Raven Welten voraus) und bequemen Kletterschuh keine Probleme haben. Lediglich die Ferse stellt mich vor zwei Fragen. Wie klein soll ich das Teil nehmen, damit sie passt, und existieren tatsächlich Menschen, die tatsächlich so viel Platz in der Ferse benötigen. Die zweite Frage können die Leser mir evtl. mittels Kommentare beantworten. Der Einstieg gestaltet sich deutlich einfacher als beim Raven und bestätigt den angestrebten Status als Boulderschuh.

Die Zehenbox ist mittelhoch und breit

Die Zehenbox ist mittelhoch und breit

Der Rist ist mittel hoch bis hoch und kann mittels Schnürung bei einem etwas flacheren Ristverlauf notfalls angepasst werden. Sehr überraschend war für mich der hohe Komfort des Cyclone. Die hauchdünne Gummischicht auf der Oberseite der Zehenbox drückt nur minimal auf die aufgestellten Knöchel der Zehen und verursacht somit fast keine Beschwerden. Auch die Ferse drückt kaum, lediglich nach längerem Tragen > 10 min, spürt man den Druck auf die Achillessehne. Cyclone stellt die Zehen auf, keine Frage, wie stark das tatsächlich ist, hängt stark von der Zehen-Fuß Proportionen ab. Bei mir in der Größe 42,5 EU sind bis auf den großen Zeh alle übrigen ordentlich aufstellt. Der zweite längere Zeh hat dennoch genügend Platz. Da hat Edelrid an griechische und römische Fußtypen gedacht. Die 42,5 EU würde ich als eng-bequem einstufen und könnte sicher auf 42 EU runter gehen, aber ich genieße förmlich den Komfort und möchte mich im Cyclone für etwas mehr Druck auf dem Tritt nicht quälen. Die allgemeine Empfehlung für den engen, Rotpunkt-Sitz lautet dennoch Schuhgröße MINUS 1. Bei meinem Fuß wäre es die besagte 42 EU.

Performance 

An sich ganz ok, kommt aber an XSGrip nicht ran

An sich ganz ok, kommt aber an XSGrip nicht ran

Die Leistungen des Raven zu übertreffen ist leicht gewesen, denn ich kenne nicht so viele derartig schwammige Kletterschuhe. Dies ist auf jeden Fall gelungen. Die ultimative Messlatte hat Edelrid mit diesem Kletterschuh jedoch nicht gelegt. Und zwar aus mehreren Gründen. Grund Nummer eins ist die Unterbrechung der Spannung an der Endstelle der 2-Tension. Man merkt so richtig, dass da ein richtiger Cut ist, wenn man versucht seinen Fuß im Schuh an zu spannen, um etwas mehr Druck auf den kleinen Tritt bringen zu können. Das ist wirklich ein Jammer, denn die Spitze ist präzise, genau und ausreichend stabil. Auch die termogeformte Zwischensohle (Hügel) sorgt für gute Unterstützung.

Die Sohle ist an sich steif genug

Die Sohle ist an sich steif genug

Somit sind alle Teile des Systems funktional, nur eine Art Zusammenarbeit findet definitiv nicht statt. Natürlich gewinnt man mit solch einem Konstrukt an Flexibilität, was sind auch in Überhängen und Dächern (sowie auf Reibung) auszahlt, aber sobald die Tritte kleiner werden, komme ich schneller an meine Grenzen als mit anderen Kletterschuhen dieser Performance Klasse. Ich kann nur mutmaßen, ob mein Kraft-Schnitt-Problem in einer kleineren Größe durch die Gesamtspannung des Schuhs kompensiert worden wäre. Fakt ist so wie es in meiner Konstellation ist, befriedigt es mich in senkrechtem Gelände nur bedingt. Das Edelrid eigene Gummi reibt gut und neigt nur ein wenig zum Kriechen auf Microtritten. An und für sich eine überraschende Erfahrung mit dieser Eigenkreation.

Vorspannung ist zwar da, aber Ausziehen beim Hooken ist dennoch drin

Vorspannung ist zwar da, aber Ausziehen beim Hooken ist dennoch drin

Das Hooken mit der etwas lockeren Ferse geht besser als gedacht. Die asymmetrische Form der Ferse ist ein echter Gewinn, denn man bleibt förmlich mit der bestehenden Kante hängen. Der Hacken an der Geschichte ist der großzügige Einstiegsbereich und nicht ganz so steile Fersenform. Kurz um, ich schaffe es sogar mit voll Gas angezogenen Schnürung die Ferse, ohne großer Kraftanstrengung, auszuziehen. Das Gefühl bei richtig anspruchsvollen Hooks ist dem entsprechend „wackelig“ und fordert Konzentration beim Halten der optimalen Belastungsrichtung. Auch hier mag die kleinere Größe Abhilfe verschaffen. Von einem derartigen Kletterschuh mit solch einer innovativen Schnürung erwarte ich etwas mehr. Das Toe-Hooken ist dagegen 1A und bietet alles was man im Boulderalltag so braucht. Grip und sicheres Gefühl beim Greifen mit der Rückseite der Zehen. Das hat Edelrid wirklich gut hingekriegt.

Haltbarkeit

Wie lange hält die EGrip Spitze???

Wie lange hält die EGrip Spitze???

Das Einzige was mich etwas zweifeln lässt ist die EGrip + Sohle, welche ich noch nicht so einschätzen kann. Der Rest des Schuhs macht einen sehr soliden Eindruck. Edelrid Produkte sind sowieso eher robuster als diffizil. Somit mache ich mir keine Sorgen, dass der Cyclone vorzeitig auseinanderfällt. Ob der Klemmmechanismus der Schnürung für ewig hält kann ich momentan auch nur mutmaßen. Rissen der Zugschnur sehe ich dagegen sehr gelassen entgegen, denn alle Komponenten geben keine Hinweise auf kritische Belastungspunkte. Solange die Nähte der Plastikösen halten, hebt die Schnürung. Über Weiteres , inkl. der Dehnung werde ich unten in Form von Updates berichten.

Empfehlung Einsatzbereich

Dieses Patch ist ein großer Wurf

Dieses Patch ist ein großer Wurf

Die Antwort für mich ist einfach: Bouldern und steile Routen am Plastik. Für mich ist Cyclone jetzt schon ein sehr geschätzter Trainingsschuh. Er bietet in diesem Bereich alle Vorteile: Slipper mit einer recht schnell öffnenden Schnürung. Vorausgesetzt man hat etwas Fingernagel übrig um, das Klemmrad lösen zu können. Hohen Komfort rund um den Fuß und zusätzlich ein fast schon orthopädisch geformtes Fußbett. Am Fels bin ich nicht etwas skeptisch, werde es aber natürlich auch mit der Zeit gründlich testen und weiter unten posten. Alles in einem für mich ein Plastik-Allrounder. Das Cyclon am Fels definitiv mehr kann, zeigt Pirmin Bertle mit seinen Erstbegehungen in der Schweiz. Ich bleibe etwas skeptisch…

Fazit

Geil für Plastik

Geil für Plastik

Dieser Kletterschuh stellt einen gut gezielten Wurf von Edelrid in Richtung der Performance Riege. Vieles ist total toll und ich klettere wirklich sehr gerne mit diesem Modell. Einiges ist einfach Schade und gehört in der Neuauflage überarbeitet. Eine kleine Aufzählung der Verbesserungsvorschläge: Einstiegsbereich etwas enger gestalten, das Gummiband am Rist etwas straffer. Ferse etwas weniger voluminös machen, 2-Tension muss bis zur Spitze gehen, Weg mit der Schnürung hin zum Singlevelcro, das Toe-Hookpatch nur etwas weiter großzehseitig nach oben ziehen. Und zu guter Letzt würde ich Edelrid bitten, dem Cyclone eine XS Grip Sohle zu spendieren, die Alte kostet doch nicht die Welt!? Dann wäre Cyclone ein richtig geiler Schuh ohne Wenn und Aber. Man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Weitere Infos:

Kletterschuh-Glossar

Testbericht Edelrid Huricane

Der eigene Fuß ein Anhalt

Testbericht Scarpa Instinct VS

Eine Antwort zu Edelrid Cyclone

  1. Mario Welter schreibt:

    Erstmal vielen Dank für die ausführlichen und aus meiner Sicht zutreffenden Tests, die du hier veröffentlichst. Ich habe lange viele Testberichte auf mich wirken lassen und letzten Endes habe ich mich aufgrund eines tollen Angebots für den edelrid cyclone entschieden. Nach meinen ersten Indoor Stunden kann ich sagen, dass nahezu alles zutrifft, was ich hier lesen konnte.

    Zusammenfassend kann ich folgendes zu dem Schuh sagen. Vorweg mein Fuß ist 263 mm lang und 95mm breit, ägyptische Form. Habe mich für die Größe 42 entschieden. Nach kurzem Eintragen sitzt er super. Kann man ohne Probleme auch 20 min am Stück tragen.

    Vorteile:
    + Passt prima von Anfang an
    + Alle Zehen werden sehr gut aufgestellt ohne zu hohen Druck auf die Oberseite
    + Tritt und Halt sind super präzise
    + Verarbeitung sieht hochwertig und haltbar aus
    + Sehr funktioneller Verschluss

    Nachteile :
    – Die Ferse ist in der Tat für einen sonst schmal geschnittenen Fuß unverständlich breit.
    – Die ersten Schmerzen treten nach akzeptabel langer Zeit an der Achillesferse auf. Der einzige Grund warum ich ihn zwischendurch mal ausziehen muss.

    Aus meiner Sicht definitiv ein klarer Preis- Leistungssieger mit Kaufempfehlung für ambitionierte Indoor Kletterer, mit schmalem bis mittleren Fuß.

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