Millet Yalla

Kletterschuhe  Millet Yalla im Test

Yalla sieht seinem Namen entsprechend aus!

Millet? Kletterschuhe? Da war doch was mit diesem innovativem Boa Verschlusssystem. Aber bis jetzt hatte ich keine Erfahrungen mit diesen „französischen“ Kletterschuhen. Irgendwie kommt man, dann wie die Jungfrau zum Kinde, zu so einem Millet Yalla Kletterschuh und ist doch überrascht. Aber fangen wir langsam an. Yalla kommt aus dem arabischen und bedeutet soviel wie aufgeht´s, weiter, weiter usw. Was bei Franzosen also Allez! ist, kennt der arabische Raum als Yalla. Soweit so gut. Natürlich schaut man auf die Beschreibung der Hersteller, diese versprechen wie immer nur das beste. Die Nano-Technologie, nie verschleißende Sohlen und natürlich den XI.ten Grad. Die Realität gestaltet sich oft etwas anders. Aber das werden wir ja gleich sehen.

Optik, Verarbeitung

Feurig und scharf das ist seine optische Botschaft

Die Optik ist definitiv bunt. Orange, Rot, Gelb und das obligatorische Schwarz der Sohle sind die Teile der paradiesischen Optik. Millet Yalla ist optisch auf jeden Fall eins – auffällig. Ich finde es ganz gut, denn Farben sind genau mein Ding, auch wenn die Kombination meiner Meinung einfach nur bunt und wenig stylisch ist. Wer eher auf ruhige Farben steht, muss abwägen ob andere Vorteile gegenüber diesem subjektivem Nachteil überwiegen. Optik ist schliesslich nicht alles. Ansonsten wirkt dieser Kletterschuh sehr klobig und „unbeholfen“. Wie so oft ist am ersten Eindruck etwas dran, jedoch ist er nie die ganze Wahrheit. Der zweite Blick verrät im Hinblick auf die Qualität, dass diese „französischen“ Kletterschuhe mit flinken chinesischen Händen gemacht sind.

Nicht alles ist Perfekt. Futter löste sich in beiden(!) Schuhen ab. Enttäuschend.

Die Verarbeitung ist entsprechend sauber. Das habe ich bereits bei anderen Herstellern, die in China produzieren so kennengelernt. Die Verarbeitung ähnelt sehr dem ClimbX etc. und ist nahezu fehlerlos. An der Wahl der Materialien, Art der Kleberänder und Übergänge von Gummi zu Synthetik spürt man irgendwie den Unterschied zu europäischen Modellen. Rein subjektive Geschichte die ich nicht in Worte zu fassen im Stande bin. Sei es drum. Man kann nicht meckern, bis man den Schuh mal an hatte…

Konstruktion

Trotz der massiven Vorspannung ist der Druck auf die Sehne echt gering

Trotz all den Farben und des feurigen Looks erinnerte mich Millet Yalla von seiner Form her an einen anderen Kletterschuh. Anfangs schob ich dieses Gefühl bei Seite. Zu extrem sieht der Leisten aus: zu schmal die Ferse, zu breit der vordere Bereich. So einen Kletterschuh gab es noch nie! Aber irgendwie… Die ersten Versuche an der Wand unterstützten das Flashback Gefühl. Also musste ich doch mal vergleichen. Ergebnis: Millet Yalla ist der gute alte Anasazi Lace Up nur gutes Stück breiter vorne und schmaler hinten. Die Ferse hat auch eine Ähnlichkeit und zwar mit dem Five Ten Dragon. Dumm ist es nicht, denn beide Schuhe sind Weltklasse.

Aber zurück zur Konstruktion. Der Hersteller Millet trägt bei den Features ganz schön dick auf. Composit Stift Insert, Hook Effect und 4 Points Grip sollen wie so oft super tolle, noch nie da gewesene Ergebnisse liefern – zur Sache. Composit Stift Insert ist eine sehr stabile, steife Zwischensohle. 4 Points Grip ist Anja, sagen wir mal nicht

Wie man sieht ist die Form sehr verwandt…

ganz so griffig. Der Hook Effect (die mit LASER in das Gummi geschnittenen Bahnen) hat keinen Effekt außer, dass es die Sohle eher schwächt. Reibt sich aber schnell ab, man hat also keine Zeit Unterschiede und Auswirkungen fest zu stellen. Das Gummi namens 4 Points Grip ist komisch. Der erste Kontakt: Gummi klebt gut! Belastet man das Gummi dann etwas länger als eine oder zwei Sekunden, verringert sich die Reibung merklich. Glaubt man kaum, ist aber so! Während der Vorderfußbereich mit „richtigem“ Gummi versehen ist, muss die Ferse irgend eine Art Fahrradschlauch verkraften. Diese Gummimischung ist leider etwas zu glatt und entwickelt (gefühlt) gar keine Reibung. Die Ferse ist etwas sporadisch gummiert. Sie ist zwar gut geformt aber zu spärlich und mit schlechtem Gummi ausgestattet.

subjektiv – kein Effekt. objektiv ist der Hook-Effect weg

Dieser Kletterschuh ist aus Kunstleder gemacht und im Bereich der Zehenbox gefüttert. Diese Fütterung ist zum Teil genäht und an den Schaft geklebt. Aber irgendwie nicht so konsequent… Die Zehenbox selbst ist für aufgestellte Zehen gedacht und ist in diese Richtung geformt. Die Schnellschnürung funktioniert wirklich gut. In jeder Öse ist noch mal ein extra Futter angebracht, welches die Reibung erhöht und so ein Zurückgleiten verhindert. Mit einem oder zwei Zügen an den knall-gelben Schnürsenkeln wird der Schuh gut an den Fuß angepasst. Wirklich gut! Die Sohle hat kaum Downturn und Vorspannung, aber es ist besser als gar keinen Downturn zu haben. Trotz einiger Kritik finde ich die Konstruktion des Schuhs und die Form und Aufbau des Leisten wirklich gut. Kurz gesagt dieser Kletterschuh von Millet liefert mir das, was ich mir von der „Weiterentwicklung“ Namens Five Ten Quantum erhofft habe: stabile und präzise spitze, etwas weniger Valgus orientierten schnitt, und eine Ferse die weder Achillessehne tötet noch Luft hat.

Passform und Größe

vorne breit hinten schmal – so wie ich es mir gewünscht habe

So toll einige Konstruktionsmerkmale auch zu sein scheinen, so schwerwiegend sind einige Kritikpunkte an der Passform und Komfort des Yalla. Das gute an diesem Kletterschuh ist die Tatsache, dass er definitiv der breiteste (im vorderen Bereich) Schuh auf dem Markt ist. Er ist breiter als der Anasazi, breiter als der Vapor und Instinct und sogar breiter als TC Pro. Nur dank der meinem Fuß passenden Form ertrage ich diesen Kletterschuh. Er ist sehr unbequem. Das Material ist zu dick und irgendwie zu hart. Die Zehenbox auf jeden einzelnen Knöchel der Zehen und wird mit der Zeit auch nicht besser. Ich probierte diesen Schuh in 9,5 UK und Yalla war bereits so groß, dass man mit ihm in die alpine Route einsteigen konnte. Da die nächst kleinere Größe nicht verfügbar war, griff ich wahnsinniger weise zu der 8,5 UK.

Das Randgummi ist hart und zu dick – unbequem

Eine Größe die ich im Five Ten Dragon trage. Doch der Dragon ist ein Urlaub am Strand im Vergleich zu diesem Zehenbrecher. So unnachgiebig und steif habe ich noch kein Kletterschuhschaft erlebt. Wirklich schade, den die Passform ist wirklich toll. Hinzu kam das Problem, dass der Futter im Bereich des kleinen Zeh´s sich ablöste. Dieser war geklebt und löste sich einfach nur ab. Es bildete sich eine Falte wenn ich den Fuß reinschob und drückte so zusätzlich auf den kleinen Zeh. Unglaublich enttäuschend! Wenn man bedenkt, wieviel Geld dieser Schuh hier kostet und wie hoch die Herstellungskosten sind… Made in China hat mich in der Praxis mal wieder nicht überzeugt. Sehr gut dagegen ist der Sitz an der Ferse. Ganz abgesehen davon, dass 8,5 UK die absolute minimal Größe ist, sitzt die Ferse nahezu luftfrei. Was wirklich toll ist wie

etwas bananig und breit, wären Materialien bequemer, wäre Passform 1a

ich finde, ist der angenehm geringe Druck auf die Achillessehne. Die Ferse ist so stark vorgespannt und drückt weniger als bei Five Ten Magic Heel. Das wurde wirklich hervorragend mit dünnen und flexiblen Gummibänder, welche in diesem Bereich in Richtung Sohle ziehen, gelöst. Das Volumen ist bezogen auf die breite Form normal und nicht übermäßig groß. Das merkt man in der Minimal Größe ganz deutlich, wenn der Schuh am Fuß einiges an den ohne hin langen Schnürsenkeln benötigt. Die Zehenbox drängt den großen Zeh ordentlich nach hinten, so dass Menschen mit langen Zehen sich auf etwas Druck einstellen müssen. Viel dehnen tut sich der Yalla übrigens nicht. Um nicht zu sagen er dehnt sich gar nicht. Selbst die Five Ten typische Anpassung an meinen Fuß findet hier nur begrenzt statt. Ich denke es liegt an dickerem Material und dem synthetischen Futter.

Nun zur Empfehlung: egal welcher Fußtyp, welche Fußbreite – UNBEDINGT an der Strassenschuhgröße orientieren und eher ne halbe Größe nach oben gehen als nach unten.

Performance – wie klettert sich der Millet Yalla

Präzise und stabil – 100% keine Übertreibung

Bereits in der 0,5 zu großen 9,5UK konnte ich erstaunlicher Weise entspannt und sicher auf kleinen Hallentritten stehen. Ab einer gewissen Trittgröße biegte sich die Sohle natürlich etwas durch und fühlte sich etwas unsicher an. Dieser Effekt wurde durch die komischen Reibungseigenschaften der Sohle extra unterstützt. In der kleineren Schuhgröße bietet der Schuh ein Maximum an Unterstützung und ist zugleich einwenig präziser. Das Gefühl für die Trittoberfläche hält sich in Grenzen, aber einwenig Rückmeldung bekommt man vom Tritt schon. Eine steife und inflexible Sohle in Verbindung mit der Minimalgröße ist ein Garant dafür, dass man mit den Zehen nicht greifen kann. Ist schade, an dieser Tatsache kommt man jedoch nicht vorbei. Millet Yalla klettert sich erstaunlich präzise und unterstützend. Das hätte ich beim ersten Anprobieren nie für möglich gehalten.

„Saugen“ ist nicht einfach, die Sohle könnte mehr Reibung entwickeln

Der alt bewährte Anasazi Leisten wurde nicht versaut, sondern sinnvoll verbessert. Er behält somit die guten Eigenschaften des Originals, kommt leider nicht ganz an das Gefühl ran und versagt fast bei der Reibung der Sohle. Es ist wirklich ganz komisch: man steigt auf einen kleinen Tritt (egal ob Fels oder Halle), trifft ihn sofort richtig und hat im ersten Moment das Gefühl man steht auf einer Bordsteinkante. SUPER. Doch im nächsten Moment merkt man plötzlich wie die Verbindung Tritt – Gummi immer schwächer wird und selbst mit mehr Druck nichts zu retten ist. Je länger man also auf diesem Tritt verweilt desto schlimmer wird dieses Gefühl. Lässt man den Druck etwas nach, flutscht der Tritt. Ansonsten bleibt man zwar dran, fühlt sich aber so als würde man jeden Moment vom Tritt schmieren. Es ist nicht schön, ja schade und sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Schnürung ist auch überzeugend, auch wenn nicht ganz so schnell

De facto kann man mit dem Yalla gut bis sehr klettern, wenn man schnell weiter zieht und steigt und nicht so lange rumeiert. Ist man nicht so der Speedkletterer muss man das oben beschriebene Gefühl ignorieren und ruhig bleiben – des hebt scho. Man kann sich an alles gewöhnen, muss man aber, wie ich finde, nicht wenn die Konkurrenz in der gleichen Preisklasse nicht so gewöhnungsbedürftig ist. Soll heißen: für das gleiche Geld bekommt man bei anderen Herstellern mehr Reibung und sichereres Gefühl. Das Ziehen mit dem Fuß ist einwenig besser als mit dem Anasazi möglich, leidet aber unter der zu kleinen Größe. An einen Speedster kommt solch ein Schuh natürlich nicht ran, soll es auch nicht. Dafür kann man auf kleinen Tritten (mit genügend Mut und Vertrauen) rumtanzen. Mich ärgert nur die Tatsache, das man diese „begrenzt geile“ Performance mit einfachsten Mitteln besser machen könnte. Aber Anja, vielleicht kommt es ja noch.

Schmal ist nur die Lippe hinten. Der Rest bringt ordentlich Volumen mit sich

Hooken ist an sich eine präzise Angelegenheit beim Platzieren auf der Fläche ein bombiger Hook kommt jedoch nicht zustande. Das spärlich eingesetzte Gummi reibt so schlecht, dass man automatisch ganz vorsichtig den Hook belastet und sich nicht voll Gas darein hängt. Wiederum Schade, denn die Fersenform ist gut und würde super funktionieren, wenn sie nur vernünftig gummiert wäre. So ist das Hooken genauso wie das Treten möglich fühlt sich aber fast ein Tick schlechter an, als dieses. Toe-Hooken ist an sich nur sehr begrenzt möglich, da man weder die Zehen anheben kann, noch sich auf irgendwelche geilen Gummierungen verlassen kann. Das Randgummi ist zwar etwas hoch gezogen, bringt aber beim Hackeln mit den Zehen nichts. Für einen Schnürer ist solch eine Performance in diesem Bereich nichts ungewöhnliches, denn mit einer tiefen Schnürung kann man einfach nichts ausrichten.

Haltbarkeit

Obwohl die Hooks sich gut legen lassen, ist das Gefühl nicht das beste

Nach den ersten Tagen in der Halle, dachte ich das Gummi der Sohle wäre verschleißarm. Nach ein Paar Ausflügen an den Fels merkte ich, dass die Kante der Spitze nun ganz schnell runder und weniger wurde. Da ich den Schuh aufgrund der sehr kleinen Größe nicht ganz so oft benutze ist noch kein Loch da. Der Rest vom Schuh sieht sehr in Ordnung aus. Kein Abrieb am Obermaterial, keine Ablösungen an Klebnähten, keine gerissenen Schnürsenkel. Alles in einem bestätigt die robuste und „grobe“ Bauweise die Regel: je stärker das Material desto höher die Lebensdauer. Millet Yalla wird „dank“ seiner Sohle sicher kein Jahr alt, aber exorbitant schnell geht der Verschleiß nun auch nicht von statten.

Empfehlung/Einsatzbereich/Klettergebiet

Die Sohle verschleißt schneller als gedacht

Ich hatte diesen Schuh in der Fränkischen ausprobiert und war genau so begrenzt begeistert wie vom Anasazi. Kann man in der Fränkischen nicht Greifen fühlt sich das Klettern/Treten komisch an. Ist aber sicher Vorlieben abhängig. In Kochel funktionierte Yalla gut auf kleinen Tritten, da wo mehr Reibung auf Speck nötig war wurde es etwas brenzlicher. Im Sandstein gingt der Schuh gut auf Tritten. Da wo Reibung pur angesagt war, ging die Kletterlaune etwas runter. Am Plastik nerven einzig und allein kleine, speckige Wandstrukturen alles andere geht prima – ist ja auch groß genug. Alles in einem: Gut von Platte bis leicht überhängend. Nicht so gut für das steile Bouldern.

Fazit

Trotz des klobigen Aussehens ist Yalla super präzise und stabil auf kleinen Tritten

Insgesamt hat mich Millet Yalla sehr positiv überrascht. Seine Präzision, und Leistung auf kleinen Tritten ist definitiv Top. Die Gesamtperformance wird durch kleine Mängel runtergezogen. Sollte Millet Interesse haben diesen Schuh zu verbessern sollte man: die Sohle gegen eine gute und günstige XS-Grip tauschen. Die Ferse wie beim Dragon oder Pontas gummieren. Das Futter ordentlich mit dem Obermaterial verbinden (kleben und Rand vernähen) und das Obermaterial etwas weniger steif gestalten. Das Komfort wird mit dünnerem evtl. flexibleren Material sicher besser was den Kletterschuh sicher noch mal aufwerten wird. Die Grundpassform ist Top und sollte so gelassen werden. Millet Yalla ist in meinen Augen ein verbesserungswürdiges Modell mit extrem viel Potenzial. Die Kritikpunkte sind Kleinigkeiten und liessen sich leicht beheben. So wie der Schuh jetzt ist, bin ich nicht bereit ihn mir noch mal zu kaufen. Menschen mit sehr breiten und kräftigen Füßen kommen an diesem Modell jedoch nicht vorbei. Selbst ausprobieren, erfahren und unten kommentieren. Viel Spaß.

Weitere Informationen:

[vimeo 45010683]

Werbevideo – Yalla in Aktion

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