Millet Myo

Millet Myo im Kurztest

Myo vs. Yalla 

Vorgeschichte

Orange-Rot-Schwarz-Gelb TOTAL unauffällig …

Was der Bauer nicht kennt, isst er bekanntlich nicht. Das trifft auch auf mich zu. Da ich in jüngster Vergangenheit von unbekannten Kletterschuhen des Öfteren eines besseren belehrt wurde, beschloss ich mein Herz für alle zu öffnen. Millet Yalla war damals so ein Fall. Überrascht durch die Passform und präzises Antreten, musste ich meine militante Abneigung ablegen und anerkennen, dass es auch andere Kletterschuhe außer Scarpa und La Sportiva gibt, die etwas können. Natürlich ist nicht alles Licht an solch einem Underdog, aber schließlich bringt uns ja jede Erfahrung im Leben weiter. Genau so wie ich im Falle eines Evolv Geshido SC, wissen wollte, was der Schnürer auf dem Kasten hat. Hat es mich auch gejuckt zu erfahren was den Millet Yalla vom Millet Myo unterscheidet. Nun versiege ich diese Erfahrung mal wieder in Worte zu gießen.

Aussehen und Machart

von außen hoch- …

Vorurteile sind schlimm. Trotzdem mag ich Made in China Produkte nicht. Das Anfassen, die Details, die gesamte Optik vermitteln einfach nicht denselben Eindruck wie bei Kletterschuhen aus Europa und USA. Ich kann das auch schwer in Worte fassen, aber es ist einfach nicht mein Fall. Ansonsten gibt es nichts Negatives zu berichten. Rein objektiv ist der Kletterschuh Myo von den Chinesen nach französischen Vorgaben super umgesetzt worden.

… von innen noch höher geschnitten

Und diese Vorgaben sind auch wirklich gut. Die Optik rockt und lässt sonnige und frohe Zeiten aufkommen. Ich mag lebensfrohe Farben. Auch wenn sie ein wenig grell und schrill sind. Deshalb mag ich die Optik von Myo genau so gut wie die des Yalla. Bei Myo kommt halt noch etwas rotes Gummi hinzu – immer her damit! Trotzdem der Gesamteindruck aus Optik und Verarbeitung reicht nicht aus, um mein Herz für immer an diesen Kletterschuh zu binden. Mal schauen ob die Performance es kan.

Konstruktion

Alles hat einen Anfang und ein Ende. Es ist für mich nichts verwerfliches sich an guten, bestehenden Sachen zu orientieren. Deshalb fand ich die Anasazi Lace Up Abwandlung beim Yalla sehr in Ordnung. Zudem wurde diese leistentechnisch wirklich super vollzogen. Beim Myo dachte deshalb spontan an den Anasazi VCS.

Downturn ist deutlicher als beim Yalla

Ich habe noch nicht direkt verglichen aber die Proportionen sind wirklich ähnlich. Millet Myo ist nicht so asymmetrisch wie Yalla, er ist schmäler und stellt die Zehen weniger stark auf. Die Ferse ist dem Yalla gleich und aus meiner Sicht – fast perfekt. Die Sohle ist LEIDER aus 4 Points Grip und nicht aus XSGrip (so teuer kann es doch gar nicht sein?). Sie ist beim Fühlen gleich hart und offenbart erst bei der Belastung auf dem Tritt die weichere Zwischensohle. Die Spitze bleibt hart und verformungsstabil. Sie ist jedoch etwas „spitzer“ als beim Yalla. Das Randgummi versucht das was die Modelle wie: Arrowhead, Quantum usw. machen. Ein Kompromiss aus Randgummi und Toe-Hook Gummi zu bilden. Leider ist die Umsetzung bei Millet nicht so überzeugend. Das Gummi des Randes ist unnötig hart und dick. Das merkt man beim ersten Einsteigen – aber das kenne ich schon von Yalla.

Zumachen – super. Aufmachen – nervig.

Die Velcro-Systematik kam mir sofort bekannt vor. So was nutzt normalerweise nur Mad Rock bei seinen Velcro Modellen. Andere Hersteller greifen auf Ösen, die nicht im Obermaterial integriert sind, zurück. Sie tun es zurecht, denn die drei Myo Velcros sind extrem fummelig. Um in den Schuh einzusteigen, muss man den oberen fast komplett rausziehen und den Zweiten ebenfalls recht weit durch die Öse ziehen. Die Velcrobänder sind zwar schmal und schlank und gleiten super beim Zumachen. Aber beim Öffnen sind sie leider nicht die leichtgängigsten. Das System hat nur ein Vorteil: Es schließt den Kletterschuh um den Fuß, und zwar sauber und ordentlich. Dabei sind die Bänder aber zu lang. Dazu gleich mehr.

Was mich wirklich begeistert, ist die Fersenspannung. Sieh ist so massiv wie bei einem Anasazi, doch sie tut bei Weitem nicht so weh im Bereich der Achillessehne. Wirklich supergemacht! Die Tatsache, dass das Gummiband nicht aus einem Stück besteht, sondern geteilt ist und hinten an der Ferse überlappend angebracht ist, erschließt sich mir nicht. Ich kann weder positive Effekte auf die Kraftübertragung noch auf die Passform im Bereich des Fußgewölbes feststellen …

Die Zweiteilung des Fersenspanngummis hat keine Nachteile

Das Gleiche gilt übrigens für den Hook Effect. Was haben die Leute auf XSGrip Prägungen in der Sohle geschimpft!? Und hier schwächen sie die Sohle komplett??? Ich weiß ja nicht. Was sich mit dem Yalla deckt ist die Fersengummierung. Sie ist wirklich suboptimal: nicht griffig, glatt und so minimalistisch, dass der wichtigste Bereich „nackt“ bleibt. Das Obermaterial (Kunstleder) ist an dieser Stelle wirklich nicht optimal für das Hooken. Sollte das nicht ein Boulderschuh sein? Ein weiteres Detail, dessen tieferen Sinn ich noch zu verstehen versuche, ist die rote Styr-Up Gummierung am Oberschuh. Schutz der Velcro-Ösen? Bessere Übertragung der Velcro-Zug-Kraft auf das Material? Toe-Hook Tuning? ICH weiß es NICHT. Es sieht aber nett aus – wie eine Flamme. Und könnte die Zehenbox an der Dehnung in die Breite hindern. Vielleicht …

Styr-Up soll richtig innovativ sein

Millet Myo ist sehr hoch geschnitten. Er ist der erste bei dem ich Probleme am Sprunggelenk bekam. Wirklich hoch an der Innenseite. Höher als Five Ten Team. Das Innenfutter ist leider genau so unentschlossen mit dem Obermaterial verbunden, wie es bei dem Yalla der Fall war. Potenzielle Ablösungsgefahr bei kleineren Größenwahl ist aus meiner Sicht (und Erfahrung) gegeben. Ansonsten hat Myo erfreulicher Weise etwas mehr Downturn und Vorplanung, die auf eine bessere Performance im Überhang hoffen lassen.

Passform und Größe

Wirkt nicht so, aber Myos Zehenbox ist flacher

Die Passform ist etwas schmaler als beim Yalla – dieser Kletterschuh bleibt dennoch breit. Die Ferse ist angenehm schmal und passt selbst in Straßenschuhgröße fast ohne Luft. Die Straßenschuhgröße ist hier von entscheidender Bedeutung. Wer wirklich 100% Performance aus diesem Kletterschuh rausholen muss, geht einfach eine halbe Nummer nach unten. Ich muss jedoch vorwarnen. Jegliche Anpassung wie man es von Five Ten Kletterschuhen aus Cowdura gewohnt ist, bleibt entweder ganz aus oder ist sehr gering. Somit leider man wirklich lange – meiner Erfahrung nach bis zum Loch in der Sohle. So ist es zumindest bei meinem Yalla – trotz Warmwasserbad. Die EU 43 sitzt alles andere als Perfekt, aber es ist o.k., denn 42,5 EU ist auf Dauer einfach zu klein für meinen Fuß.

Myo ist schmaler und spitzer als Yalla

Zudem ist Myo gerader geschnitten und hat somit eine andere Auswirkungen auf die Passform im Bereich des kleinen Zehs. Der zweite Zeh hat bei mir ausreichend Platz. Ob man mit einem griechischen Fuß hier gut Platz findet – weiß ich nicht. Danach fällt der Schnitt in Richtung kleiner Zeh sehr ägyptisch-steil ab. Beeindruckend ist die Kombination aus dem breiten Vorderfuß und schmalen Ferse. Soetwas habe ich lange gesucht – eigentlich …

Breit und voluminös im Vergleich zu einem Anasazi

Der Komfort out of the box ist befriedigend – mehr nicht. Immerhin schreiben wir das Jahr 2012! Es gibt genügend Kletterschuh die nicht mehr wochenlang schmerzvoll in Form gebracht werden müssen. Aber nein. Millet setzt auf Tränen und Schweiß. Mir passt Yalla aufgrund der höheren Asymmetrie und der etwas anderen Zehenbox besser als Myo. Ich denke grob kann man sagen: Myo ist der Anasazi VCS für breitere Füße. Ach ja! Viel Volumen braucht dieser Kletterschuh aus. In der 43 EU waren die Velcros bei mir zwar noch nicht am Anschlag, waren aber grenzwertig. Normalerweise klage ich über zu wenig Platz..!

Klettern mit dem Millet Myo

Treten

Präzision ist ok. Sensibel ist er nicht.

Beim Treffen fand ich den Myo etwas weniger präzise als den Yalla. Die Präzision ist dennoch o.k. Man trifft die Tritte, die man haben „möchte“. Dabei ist die so deutlich ausgeprägte Spitze am Präzisesten. Myo ist das was man kantenstabil nennt. Die Härte/Steifheit würde ich auch (grob) mit dem VCS vergleichen wollen. Das Gefühl bleibt einwenig hinter dem Yalla und dem Five Ten Standard zurück. Kann aber sein, dass es im Laufe der Zeit besser wird. Das Gehirn gewöhnt sich an alles.

Wieso sieht die Ferse so weiß aus? Gute Frage! Gummi reibt schlecht.

Die Unterstützung durch die Zwischensohle ist gegeben, man muss mit dem Fuß aber schon deutlich mehr arbeiten als mit dem Yalla. Der Downturn und die Vorspannung verschwinden bereits nach wenigen Malen Klettern fast gänzlich. An P3 und TPS kommt dieser Downturn nicht ran. Auch die Leistungen im Überhang und Dach sind nicht rosig gewesen. Steife Sohle, nicht ganz so optimales Gummi – eine Kombination die ich schon öfters abrutschen liess. Grundsätzlich gilt auch beim Myo wie beim Yalla. Antreten belasten und weiter, weiter, weiter. Nach 1,5 sec Stehen, spürt man, wie es anfängt zu schmieren. Insgesamt ist Performance ganz ok, nur leider weit davon entfernt was uns Millet so in der Werbung verspricht.

Hooken

Hooken könnte mit besseren Gummierung VIEL besser sein.

Wäre die Ferse ordentlich stabil und mit einem ordentlichen Gummi vollgummiert, wäre sie wirklich super. Einen noch so prekären Hook zu legen ist nämlich nicht das Problem. Das Problem ist diesen zu belasten. Entweder rutscht man ab, weil die Gummierung so glatt ist oder aber weil man auf der nicht gummierten Fläche hockt. Irgendwie ist die Ferse wie beim Dragon (schmale Lippe), nur mit einer besseren Form und einer schlechteren Gummierung. Auch hier drängt sich mir die Frage auf: „Sollte es nicht ein Boulderschuh sein?“ Schade. Toe- Hooken ist besser als bei Yalla, da Zehen flacher und weiter vorne in der Zehenbox drin sind. Trotzdem bescheidene Leistung, wenn man sich die Frage aus dem vorherigen Satz stellt. Auch hier wäre eine bessere Gummierung mit einem besseren Gummi zwingend nötig. Styr-Up bringt leider genau so nichts, wie der Hook Effect. Schade!

Haltbarkeit

Die Kante bleibt nicht lange scharf

4Point Grip überzeugt mich beim Yalla nicht. Myo dürfte keine Ausnahme sein. Innenfutter und seine kombinierte Verklebung/Naht sind für mich immer noch ein Punkt der Aufregung und sorge. Wieso macht man das so? Wieso zieht man die Naht nicht durch, sondern hört auf halber Strecke auf? Bei EU 43 als Straßenschuhgröße dürfte nicht passiert, da der Fuß ohne große Reibung reingeht.

Velcros halten ewig und 3 Tage

Bei Minimalgröße drück ich die Daumen. Ansonsten ist Haltbarkeitsprognose ganz gut. Besonders gut gefallen mir die richtig bissigen Klettbänder. Auf und zu und das immer wieder. Meine Einschätzung geht in folgende Richtung: Ist das 4 Pointe Grip runter, sollte man den Schuh mit XS Grip wiederbesohlen. Dann geht Myo richtig gut ab. Aber kann es im Sinne des Erfinders oder besser gesagt des Nutzers sein?

Empfehlung/Einsatzbereich

Myo weniger aggressiv – beide Fersen sind für diese Spannung echt bequem

Mit XSGrip kann diesen Kletterschuh, die Passform vorausgesetzt, überall gut einsetzen. Letztendlich bleibt es die Frage von Körperspannung und Gewöhnung, dann kann man mit dem 4 Points Grip auch im Dach auf Reibung stehen. Wer solche Herausforderungen im Training mag, sollte zugreifen. Ich persönlich habe lieber einen Kletterschuh, der sofort und bis zu seinem letzten Klettereinsatz passt und hebt. Für diesen Preis ist Myo für mich mit meiner Fußform keine Option. Für die Halle als Trainingsschuh ist er zu unbequem, für den Felsen ist das Gummi zu bescheiden … Aber man kann mit diesem Schuh definitiv Bouldern und Klettern.

Fazit

Yalla in 8,5 UK (Gewinner) Myo in 9 UK

Für mich gewinnt Yalla diesen Vergleich. Er passt mir besser. Ich kann mit ihm sauberer Steigen. Bei den Hooks gewinnt knapp der Myo. Im Bereich Komfort sind beide gleich – ohne Wertung. Deshalb würde ich mich für den Yalla entscheiden, wenn ich von Millet Geld für das Tragen seiner Kletterschuhe bekommen würde. Positiv an diesem Modell ist sein Leisten. Er passt zu breiten und kräftigen Männer- UND Frauenfüßen (auch Kugelstoßerinnen wollen Klettern), hat dabei eine schmale superpassende Ferse und bietet eine ausgewogene Performance. Seine Boulderqualitäten beweist er durch den höheren Schaft, welcher Schutz vor dem Umknicken bietet. Beide Modelle sind eine super Leistenentwicklung. Mit ein Paar kleinen Änderungen (Gummi usw.) hat Millet sicher sehr bald ein Produkt, welches den etablierten Kletterschuhen so richtig die Stirn bieten kann. Potenzial dazu hätte er!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Weitere Informationen:

Millet Yalla Tesbericht

Scarpa Vapor Testbericht

La Sportiva Miura VS Testbericht

Eigener Fuß – ein Anhalt

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