Scarpa Instinct

Kletterschuhe Scarpa Instinct im kurz Test

Tifosi Nachfolger oder Sinn und Zweck

Die Vorgeschichte

Wie ich bereits im Testbericht über Vapor V schrieb: mag ich Scarpa und finde es gut, dass diese Firma ständig neue Modelle entwickelt und rausbringt. Beim Scarpa Instinct fragte ich mich jedoch von Beginn an wo der Sinn und Zweck dieses Kletterschuhs liegt. Welche Lücke sollte dieser Schnürrer mit leichten Downturn schliessen? Der Hersteller zielt wohl auf Experten und Fortgeschrittene mit ordentlich Zehenpower, die nicht so viel Unterstützung für ihre Füße brauchen und dafür ein Plus an Gefühl bekommen sollen. Das ganze soll ein instinktiveres Treten ermöglichen. Was soll das denn bitte heißen?

Ich kann es nur so interpretieren. Scarpa Instinkt ermöglicht es uns Kletterern nicht mehr so viel über die Problematik nachdenken zu müssen, weil jeder Tritt sofort getroffen und bombenfest/sicher gehalten/belastet wird. Hört sich nach dem Motto des Speedsters nur mit Kanten an. Weil ich unbedingt wissen wollte, was hinter diesem Kletterschuh und den Versprechungen der Firma steckt, probierte ich ihn im Laden intensiv aus. Hier meine Eindrücke…

Optik, Verarbeitung

Die Optik erinnert an Tifosi, der vor der Steep-Line als Downturn Kletterschuh bei Scarpa agierte. Hand auf das Herz: ich finde die Optik etwas langweilig und wenig ansprechend. Das rote Wildleder durchsetz von zahlreichen Nähten erinnert mich mehr an eine Steppdecke, als an einen modernen, leistungsfähigen Performancekletterschuh. Diese optische Bewertung zieht sich von den Instinct Modellen über die gesamte Vapor Serie durch. Einzig die jeweiligen Slipper sprechen mich als einzige Kletterschuhe an. Ein deutlicher Rückschritt, denn ich stand auf die Optik jedes einzelnen  Modells der Steep-Line. Subjektive Meinungen über die Optik hin oder her, die Verarbeitung ist TOP. Wie immer bei Scarpa. Instinkt stellt hier keine Ausnahme dar. Dickes Lob!

Die Vorspannung ist Mittel, die Sohle durchgehend

Konstruktion

Der Kletterschuh Scarpa Instinkt besteht aus Lorica (Zehenbox) und Wildleder (Rest des Schuhs). Der Schuh ist etwas vorgespannt (etwa wie Miura VS) und weist einen leichten Downturn am großen Zeh. Ein ausgeprägtes TSS (Toe Support System – Wölbung im Zehenbereich) konnte ich bei Instinkt im Unterschied zum Mago und co. nicht finden. Die Zehenbox ist ähnlich gummiert wie die von Scarpa Feroce, was an sich nicht schlecht ist, da Feroce ein beliebter Kletterschuh geworden ist und die Gummierung sich bewehrt hat. Die 3,5mm Vibram XSGrip2 Sohle zieht von der Spitze ohne Unterbrechung über die Ferse wo sie recht grobgeschliffen (ähnlich „blöd“ wie beim Vapor V) die Außengummierung der Fersenkappe bildet. Die Sohle an sich ist weich (ein Zwischending zwischen Solution und Testarossa). Der Leisten ist nicht so stark asymmetrisch wie es bei Booster, Mago und Stix noch war, sondern gerade und ähnelt meiner Meinung nach dem Feroce. Die Schnürrung ist traditionell: kein Speed-Lace, keine Metallösen für bessere Gleitfähigkeiten, keine Asymmetrie – in diesem Bereich vermisse ich irgendwie eine Weiterentwicklung). Mehr kann ich zur Konstruktion aus der jetzigen Ferne zu diesem Schuh nicht sagen.

Passform und Größe

So enttäuschend die Optik und Gestaltung des Instincts für mich auch war, überzeugte und überraschte mich dieser Kletterschuh mal wieder durch eins – Komfort. Der Schuh ist nicht so steif/hart wie Spectro und Feroce, das Obermaterial gibt mehr nach, die Zehengummierung ist dünn und lässt den Zehen „Freiräume“, so dass keine

Die Zehenbox ist von der Form her ähnlich dem Feroce

Druckstellen an den Knöcheln zu beklagen sind. Als ich das erste mal in eine Gr. 42 EU schlüpfte dachte ich: „Wow ist der bequem! Der bequemste Kletterschuh denn ich je anprobiert habe!..“. 42 EU erschien mir zu groß, also probierte ich nach meinem Erlebnis mit Vapor die EU 41 und war überrascht, das die Zehen immer noch „Luft“ hatten. Erst bei der Größe 40,5 EU fand ich den Instinkt eng genug an meinem Fuß sitzend. In wieweit dieser Kletterschuh durch das viele Anprobieren im Laden seine erste Dehnung schon weg hatte weiß man ja immer nicht. Daher würde ich beim Online Bestellen eher die 41 EU nehmen.

Die Ferse scheint die gleiche wie beim Vapor V zu sein, denn diese passte mir genau so gut. Wirklich erfreulich, dass bei einer geräumigen Zehenbox die Ferse gestrafft wurde und eine deutliche Verbesserung gegenüber den Fersen von Booste, Stix etc. erreicht wurde. Somit kommen die neuen Fersen von Scarpa sehr nah an den Klassiker von Miura ran, erreichen deren Passform dennoch (noch) nicht.

Mit Instinkt nähert sich Scarpa bei der Gestaltung der Größen den La Sportiva Standards. Diesen Umstand finde ich nicht so erfreulich, da man sich nicht an der alten Größe von (zBsp.) Booster orientieren kann, wenn man neue Scarpa Modelle bestellt. Anprobieren ist bei diesem Schuh auf jeden Fall ratsam, denn die doch breite, geräumige Zehenbox, wird wahrscheinlich den ägyptischen Füßen nicht so gut (oder in einer kleineren Größe) passen wie meinen quadratischen Latschen. Abgesehen von der Größenveränderungsproblematik bin ich über die Passform wirklich begeistert gewesen.

Performance – wie klettert sich der Scarpa Instinct

Bereits das erste Antreten zeigte, dass Instinct eher weich und feinfühlig ist. Spontan sagte ich zum Verkäufer: „der ist zu weich für Kochel“. Die Konstruktion der Sohle würde ich als traditionell bezeichnen: kein großer Schnick-Schnack a la Unterscheidung in verschiedene Bereiche (hart an der Kante, weich unter dem Zeh etc.) keine fühlbare Zehunterstützung. Das alles merkt man, wenn man das volle Gewicht auf eine kleine Fläche der Spitze schiebt. Kantenstabilität und Unterstützung auf ganz kleinen Tritten sind nicht die Stärken dieses Kletterschuhs.

Downturn kommt durch TPS (Toe Power Support) zustande und ist nicht wahnsinnig groß, leistet aber tolle Arbeit

Sensibilität und Präzision, sowie das Greifen mit den Zehen gehören dagegen ganz klar zu seinen besonderen Fähigkeiten. Auf Reibung zu stehen funktionierte dank der weichen (sogar im Neuzustand flexiblen) Sohle sehr gut – der Downturn stört dabei nicht wirklich. Das Ziehen klappte wunderbar, wobei ich den Schuh weder im Überhang noch im Dach klettern konnte.

Somit würde ich das Treten mit diesem Kletterschuh in der Senkrechten als gut und im Überhang als (wahrscheinlich) sehr gut bewerten.

Hooken

Die Paar Hooks die ich an der GFK Wand im Laden gelegt hatte waren ok. Die Ferse ist nicht so steif wie die von Miura und deutlich härter und stabiler als beim Stix. Dadurch hatte ich ein gutes Gefühl beim Reinlegen der Hoods. Wenn der Hook also also ohne Probleme den Weg auf sein Platz gefunden hat, verformt er sich beim Belasten ganz leicht und stellte so einen (extra) Formschluss mit der Hook-Fläche her. Meine schmale Ferse saß fest im Schuh und bewegte sich dank der Schnürung kein mm. Ich denke, dass man mit dieser Ferse in sehr vielen Situationen diverse Hook-Probleme (selbst mit komplexen) bewältigen kann.

Die Ferse ist fast ein Miura-Doubele – ein guter Schritt nach vorne

Die Toe-Hooks habe ich keine gesetzt. Diese Fähigkeit des Instincts würde ich daher ähnlich einschätzen, wie bei anderen Scarpa Modellen. Da die Zehen stark aufgestellt sind und somit nicht angehoben werden können. Da hilft die Gummierung nur ganz wenig, ist aber grundsätzlich als positiv und nützlich zu bewerten.

Haltbarkeit

Da kann ich gar nichts sagen. So wie ich Scarpa kenne, wird die Sohle mind. ein halbes Jahr ohne Probleme halten. Ob und wie stark sich Instinkt nach gebrauch dehnt, kann ich nur ahnen. Ich vermute der gibt ne halbe – ganze Größe nach, da er in großen Teilen aus Wildleder besteht. Das Ablösen der grob geschliffenen Fersengummierung kann beim wilden Gehooke zum Problem werden, muss aber nicht – von alleine geht sicher nichts ab. Die Haltbarkeit dürfte aus meiner Sicht bei diesem Modell kein Problem sein.

Empfehlung/Einsatzbereich/Klettergebiet

Kann alles was die anderen auch können…

Hmm, das habe ich mich im Laden auch gefragt. Wofür könnte ich diesen Kletterschuh gebrauchen? Überhänge? Dachboulder? Im Prinzip kamen Fränkische und Plastik in Frage. Für diese Zwecke habe ich bereits diverse Schuhe (allen voran Testarossa, Solution, Team…). Wofür brauche ich Instinkt? Für das Bouldern wird die Schnürung von vielen als lästig empfunden. Als Allrounder ist er nicht steif genug. Als ein reiner Bulderschuh wird Instinkt sicher durch das Greifen mit den Zehen im Überhang und durch die gute Ferse punkten. Was die Toe-Hooks angeht bin ich eher skeptisch. Da ich diesen Kletterschuh bis jetzt nicht testen konnte sind es eben nur Vermutungen.

Da ich für mich nichts fand, was meine anderen Kletterschuhe nicht bereits könnten und Instinkt mich optisch nicht sonderlich in seine Bahn zog, beschloss ich diesen Schuh vorerst nicht zu kaufen. Dennoch würde ich ihn für alle, die einen sensiblen und sehr komfortablen Kletterschuh mit einem klassischen Liesten und moderten Downturn für Überhänge suchen, wärmstens empfehlen, denn der Preis von 109 EUR ist für diesen Schuh mehr als fair.

Fazit

Leisten. Löcher – Überhang ist die Erfolgsformel

Scarpa Instinkt ist ein eher traditionell geschnittene und designter Kletterschuh mit modernen Qualitäten. Besonders sein (wirklich) unglaubliches Komfort gepaart mit super Performance in bestimmten Bereich ist ein Kaufgrund. Ich persönlich werde dieses Modell irgendwann rauslassen, da ich auf das Greifen mit den Zehen stehe und auf wahre Leistungsfähigkeit neugierig bin.

Sucht man jedoch gerade eben nach einem Kletterschuh für Fränkische oder Urlaub im Süden, dann sind die 109 EUR wirklich sehr gut angelegtes Geld, wenn man bedenkt was andere Kletterschuhe in diesem Bereich kosten.

Weitere Informationen:

Fußform und Passform

Größenvergleich Kletterschuhe

Review Scarpa Instinct S rock+run

Review Scarpa Instinct

Review Scarpa Instinct S (Dave McCleod)

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3 Antworten zu Scarpa Instinct

  1. markus schreibt:

    Hallo
    Ich finde das mit der Größe bei dem Schuh ist wohl sehr unterschiedlich.
    Ich hab ähnlich große Füße wie du (zwischen 42-42,5. Fußbreite 9,5cm) und mir passt der Instinct in 39,5 sehr gut.
    Ich würde sagen, dass das bei mir die minimalgröße ist.Einer in Größe 40 wär so komfortabel dass ich ihn zwischen zwei routen nichtmal ausziehen müsste.
    Ich schreibe das nur deshalb weil ich finde dass der Instinct an kleinen Tritten mit einer der besten ist den ich bisher hatte, was wahrscheinlich damit zusammenhängt dass ich ihn einfach viel kleiner tragen kann.
    Ich finde auch nicht das er sehr weich ist, ich finde das der Gummi zwar weich ist (wie an jedem Schuh mit XS Grip2) aber die zwischensohle ist für so einen Performance-Schuhe sogar relativ hart.
    Mein 5.10 Arrowhead ist bspw. um einiges weicher.

    • kletterschuhtest schreibt:

      Hallo Markus,
      Danke für dein Kommentar. Finde es super wenn Leute ihre Erfahrungen hier mit mir und dem Rest teilen!
      Ich gebe dir zu 100% Recht Instinct Arrowhead ist WELTEN weicher als Instinct. Das mit der Größe ist wirklich stark variabel, wie man bei dir sieht. Letztens habe ich gelernt das Instinct tatsächlich einer de breitesten Schuhe bei Scarpa ist (wenn man ihn direkt mittels Aufeinanderlegen mit Booster und co. vergleicht). Mein Problem mit dem Instinct war, das die Minimalgröße 40,5 einfach zu krass an den kleinen Zehen drückt. 41 EU drückt immer noch an ein zwei Zehen punktuell, während sie am Rest des Fußes schon etwas zu „locker“ sind.
      Meine Aussage zum stehen auf kleinen Tritten beruhte auf dem direkten Vergleich mit dem Anasazi Lace Up V2 (ein Fuß im 5.10 der andere in Scarpa) auf kleinen Tritten. Da merkt man deutlich dass der Instinct deutlich weniger Support bietet, wenn man mit vollem Gewicht auf irgendwas mieses und abgespecktes steigt. Auch Miura VS und Feroce sind „härter“. Ich habe für mich auch festgestellt das Lorica Zehenbox mir massiv Hühneraugen verabreicht. Nichts desto trotz finde ich Instinct toll. Nur gibt es für mich bessere Schuhe…

      Wieviel hat dein Instinct nachgegeben? Und was hälst du vom Verschließ der XS Grip 2 Sohle. Ich bin langsam nicht der Meinung dass XSGrip2 da besser als XSGrip ist…

      Viel Spaß noch

      Grüße

  2. Markus schreibt:

    Hallo
    Also der Schuh gibt genug nach etwa wie der MIura. Nur dass die Zehenbox nicht so sehr nachgibt, das heisst wenn man beim anprobieren an den Zehenknöcheln schon höllenqualen durchsteht, dann sollte man die nächste Größe nehmen.
    Ich bin übrgens nicht der Meinung dass die 39,5 bei mir die „richtige Größe“ ist sondern eben das was du als Minimalgröße bezeichnest. Ich hab ihn nur beim ersten ausprobieren damals so schmutzig gemacht dass ein Umtausch nicht mehr möglich gewesen wäre und musste damit leben.
    Der Schuh ist dadurch ein Wunder auf kleinen Tritten aber ich muss zugeben, dass der Scarpa dadurch oft daheim bleibt weil ich die Schmerzen in langen Routen nicht in kauf nehmen will.
    Ausserdem geht die ganze sensibilität in der Schuhspitze dadurch wieder verloren dass die Zehen beim klettern schmerzen.

    Zur XS Grip 2 Sohle kann ich nur sagen, dass sie sehr haltbar ist.
    Ich hatte letzte Saison den Vapor V als Nummer 1 Schuh, der Schuh war für mich so gut dass ich alles nur mit dem geklettert bin (selbst beim Training in der Halle). Die Sohle hat von April bis Dezember gehalten ohne an der Spitze ein Loch zu bekommen bei durchschnittlich 4-5 Klettertagen pro Woche und das auch auf Plastik und Granit.
    Die XS Edge dagegen ist mMn überhaupt nicht widerstandsfähig meine Katana die ich davor hatte waren in 1 1/2 Monaten an der Spitze durch (am Plastik).
    Und andere Freunde von mir die bspw. den Miura VS haben klagen über das selbe Problem.

    XS Grip2 ist wie ich finde besser als die XS Edge. Ich finde auch das die Edge Sohle weniger griffig ist als die alte XS Grip.
    Die Edge Sohle ist z.B. der Grund warum ich keinen Miura klettere obwohl ich finde dass er sonst ein super Schuh ist.

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